Ein 82-jähriger Vater sitzt mit seinem 50-jährigen Sohn auf dem Sofa. Der Vater ist alt, gebrechlich, aber wach und aufmerksam.
Der Sohn – erfolgreich, gebildet, ernst. Plötzlich landet eine Krähe auf dem Fensterbrett. „Was ist das?“, fragt der Vater leise. „Eine Krähe, Papa“, antwortet der Sohn ruhig.
Ein paar Sekunden vergehen. Wieder fragt der Vater: „Was ist das?“ „Ich habe es dir doch gerade gesagt – das ist eine Krähe.“ Ein drittes Mal fragt der Vater: „Was ist das?“
Jetzt verliert der Sohn die Geduld: „Eine Krähe, verdammt nochmal! Wie oft soll ich dir das noch sagen?“
Der Vater sagt nichts mehr. Langsam steht er auf, geht in sein Zimmer und kommt nach einer Weile zurück – mit einem alten, abgegriffenen Notizbuch in der Hand. Er blättert vorsichtig darin und reicht es seinem Sohn. „Lies das bitte vor“, sagt er leise.
Der Sohn liest: Heute saß ich mit meinem dreijährigen Sohn auf dem Sofa. Eine Krähe landete am Fenster. Mein kleiner Junge fragte mich 23-mal: „Papa, was ist das?“ und jedes Mal habe ich geantwortet: Das ist eine Krähe, mein Schatz. Ich habe ihn in den Arm genommen, ihm über den Kopf gestrichen. Ich war dankbar für seine Neugier. Es war ein Moment voller Liebe und Wärme.
Der Sohn liest und schweigt. Sein Blick wird leer. Er legt das Buch zur Seite und umarmt seinen Vater.
Diese Geschichte trifft uns ins Herz. Weil sie uns zeigt, wie leicht wir im Alltag die Geduld verlieren, die Liebe vergessen, die Nähe verlernen und undankbar leben.
Schauen wir auf unser eigenes Leben. Wie viele dankbare Momente haben wir schon erlebt? Wie viel Menschen sind uns begegnet, ohne die unser Leben nicht so schön wäre?
Und doch – wie oft danken wir nicht. Sondern klagen, kritisieren und beschweren uns über dieses und jenes.
Jesus lädt uns ein, wieder neu hinzuschauen: Mit Liebe, Geduld und mit offenem Herzen.
Text und Gedanken von Pater Shoji