In der Hitze dieses Sommers hat sich unsere Wohnung, eine Dachwohnung, auch in der Nacht überhaupt nicht mehr abgekühlt. Tags über kann man sich die „heiße“ Zeit auf Arbeit, im Garten, am See, bei Freunden vertreiben – aber nachts?
Wir haben unser Bettenlager vom Schlafzimmer auf den Balkon verlagert. Anfangs dachte ich, wir würden sicher weit vor der Zeit aufwachen, wenn draußen der Lärm der Autos oder der absoluten Frühaufsteher beginnen wird. Aber weit gefehlt – es ist eine besondere Erfahrung im Freien zu schlafen:
Abends fliegen die Schwalben, die Amseln und auch die Tauben und veranstalten dabei echte Luftkünste. Nach und nach blinken die ersten Sterne auf, bis irgendwann der ganze Himmel über und über ist von diesen kleinen Pünktchen. Ein atemberaubendes Meer an Sternen. Morgens ab vier, da gibt es die lang ersehnte, frische Brise Luft und ab halb fünf machen die Vögel wieder so ein Mordsspektakel, dass man sich entweder drüber ärgern oder doch freuen kann!
Sie fragen sich inzwischen sicher: Warum erzählt sie uns von dieser „Alltagsromantik“?
Ich will es Ihnen sagen: Während ich so unter dem freien Sternenhimmel den Schlaf suchte, es äußerlich immer ruhiger und stiller wurde, dachte ich: Es gibt immer Momente, die sind ganz laut und ganz leise. Hier auf dem Balkon wurde es gerade ganz leise, aber in mir, angesichts der unfassbaren Größe dieser Welt und allem was es zusammenhält, wurde es ganz laut.
Diese, unsere Wirklichkeit, ist manchmal ganz laut und manchmal ganz leise. Und es ist doch die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen. All das gibt es, das Laute und das Leise, das Schöne und das Gute, das Schreckliche und das Traurige, die Freundschaft und die Einsamkeit, die Freiheit und den Zwang, … wer in all dem die Umarmung eines liebenden Gottes erkennen kann, ist reich beschenkt.
Beides gehört untrennbar zusammen: Das Laute und das Leise in uns und um uns. Es ist die Frage, ob wir den Mut aufbringen, genau das zu leben – darin das lebendige Leben, unsere Wirklichkeit zu erkennen. Ich wünsche uns, dass wir uns umarmen lassen, von dieser ganz lauten und leisen Wirklichkeit.
Annemarie Nyqvist
Krankenhausseelsorgerin
KRANKENHAUS REINBEK ST. ADOLF-STIFT