Sonntagsimpuls zum 24. April 2022

Zweifel gehören zu unserem Menschsein dazu

Willkommen zum Sonntagsimpuls am 2. Ostersonntag, heute von Diakon Stefan Mannheimer.

 

 

Ich befinde mich heute in der Reinbeker Herz-Jesu-Kirche. In dieser Kirche gibt es kein Kreuz – jedenfalls kein großes und auffälliges wie in anderen Kirchen. Stattdessen sehen wir ein großes Altarbild mit der Darstellung des auferstandenen und erhöhten Christus. Die beiden Engel deuten diese Wirklichkeit des neuen Lebens an. Es könnten auch die Verkündigungsboten aus einem der Osterevangelien sein.
In den Menschen zu den Füßen Jesu können wir uns selbst wiederfinden. Wir dürfen uns dem Auferstandenen zuwenden, weil wir von IHM allein Erlösung und Rettung erwarten können. Zugleich erinnert mich der knieende Mann rechts im Bild an den Apostel Thomas, von dem das heutige Evangelium erzählt.

Die Begegnung von Jesus und Thomas gehört sicher zu den eindrücklichsten Ostererzählungen.

Thomas hat Fragen und er verschweigt diese Fragen nicht.

Wegen seiner Fragen wird Thomas oft als der Zweifler dargestellt, als der, der nicht richtig glauben kann. Manchmal spricht man vom „ungläubigen Thomas“. Das ist eigentlich ungerecht, denn Thomas spricht aus, was die anderen sich vielleicht nicht trauen.
Schon an anderer Stelle im Johannesevangelium stellt er Jesus eine Frage: Als Jesus bei seinen Abschiedsreden sagt „Ihr kennt den Weg, wohin ich gehe.“, da sagt Thomas: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“
(Wenn Thomas sich nicht getraut hätte, diese Frage zu stellen, hätten wir nicht den wunderbaren Antwortsatz von Jesus erhalten: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater außer durch mich.“

Im heutigen Evangelium hat Thomas wieder eine Frage: Die Freunde erzählen von ihrer Erfahrung, dass Jesus lebt. Sie sind sich ganz sicher. Sie haben es selbst erlebt und gespürt, eindrücklich. Doch Thomas sagt: Das kann ich nicht glauben. Ihr könnt mir viel erzählen!
Er fragt sich: Auferstehung? Neues Leben? Wie soll das denn gehen?
Thomas möchte ein sichtbares Zeichen, eine greifbare Wirklichkeit. Er möchte mit eigenen Augen sehen, mit Hand und Kopf und Herz be-greifen, wie sich die sperrige Erfahrung des Karfreitag verwandelt hat in die frohe Botschaft des neugeschenkten Lebens.

Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Klare Ansage – die Worte des Thomas bringen es auf den Punkt.
Die gehörte Botschaft allein reicht ihm nicht. Das Zeugnis der Freunde überzeugt ihn nicht.
Er legt den Finger buchstäblich in die Wunde unserer Fragen und des Zweifels.

Zweifel gehören zu unserem Menschsein dazu – auch zu unserem Glaubensweg.

Ich kann Thomas verstehen. Auch nach dem Osterfest erleben Menschen ihren persönlichen Karfreitag, weil sie von Unglück getroffen sind, weil sie ihre Heimat verloren haben, weil vielleicht eine Beziehung zerbrochen ist oder eine Krankheit plötzlich alles in Frage stellt.
Wenn ich solche Nachrichten höre, geht es mir wie Thomas: Ich möchte sehen, erfahren, begreifen, dass Gott zu seinem Ja steht, dass der Auferstandene an unserer Seite ist und bleibt.

Wer ist Thomas – der Zweifler? Oder der Fragende? Der um den Glauben Ringende? Der die richtigen Fragen stellt? Der Bekennende? Thomas ist mir sympathisch. Ein Mann mit Herz und Verstand – einer der sich herantastet an seinen Glauben, der mit Kopf und Herz und Hand glauben will.

Thomas kann uns ein guter Patron und Wegbegleiter sein, für alle Suchenden und Fragenden, für alle, die um ihren Glauben ringen. Thomas erkennt und bekennt Jesus schließlich mit den Worten: „Mein Herr und mein Gott!“ Und was Jesus daraufhin zu Thomas sagt, das gilt auch uns.
 „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
Dazu sind wir eingeladen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Osterzeit.